Weihnachten ohne Geschenke

Nahezu überall auf der Welt kommen zu dieser Zeit Familien zusammen und verbringen gemeinsame Tage mit köstlichem Essen und bunten Geschenken. Die Kleinen erfreuen sich der aufwendig verpackten Tüten und Kartons, die Älteren genießen das gemeinsame Familienfest.

Um die unvergessliche Zeit festzuhalten, werden zahlreiche Fotos geschossen und persönlich unterzeichnete Grußkarten verschenkt. Ein Fest der Familie, denkt man sich, wie wundervoll! Doch schaut man in die überfüllten Straßen der Großstadt, ist von einem Familienfest nicht viel zu sehen.
Dort stehen die Marken, die Eye-catcher, die Verpackungen und die Geschenkideen für dieses Jahr im Vordergrund. Was uns zunächst die Arbeit beim Geschenke-suchen-und-finden-und-verpacken-lassen-Dilemma erleichtert, ist auf der anderen Seite der Kern eines Wertewandels. Zu keiner anderen Zeit läuft das Geschäft so gut wie an Weihnachten, man spricht nicht umsonst von einem Weihnachtsumsatz kurz vor Neujahr. Das Weihnachtsgeschäft – übrigens lässt sich das Wort traurigerweise schon im Duden verankern – ist ein fester Bestandteil unserer Wirtschaft. Was ist aus dem religiös-familiären Fest geworden, welches wir eigentlich zur Besinnung und zur Entspannung feiern sollten?

Die Vorweihnachtszeit ist bekannt für seine Weihnachtsmärkte, seine bunt geschmückten Geschäfte und seine Weihnachtsdekoration. Und genau mit diesen Vorstellungen im Kopf schlendere ich mit meiner Freundin im Schlepptau in Richtung Innenstadt. Wie jedes Jahr rieche ich schon von weiter Entfernung den unverwechselbaren Duft der heißen Maronen und die süßliche Note der gebrannten Mandeln. Ein Fest zum Verlieben, wenn man mich fragt. Wo findet man denn sonst so viele Köstlichkeiten an einem Haufen, wenn nicht an Weihnachten?

Geschenklose Weihnachten

Während wir mit weit aufgerissenen Augen an den Schaufenstern vorbeilaufen und uns jedes Mal kreischend aneinander festhalten, sobald wir eine tolle Geschenkidee entdecken, frage ich meine Freundin, wie es eigentlich bei ihr Zuhause mit den Vorbereitungen für das diesjährige Familienfest aussieht.

„Weißt du, dieses Jahr haben wir beschlossen, Weihnachten ohne Geschenke zu feiern.“
„Wie?“, frage ich erstaunt. Eine Äußerung, die ich selten gehört hatte.
„Na, wie ich es eben sagte: Wir verbringen gemeinsam Zeit, so wie jedes Jahr, nur ohne dieses ganze Drumherum.“
„Aber gerade dieses ganze Drumherum macht Weihnachten doch so schön. Der Tannenbaum, die Geschenke unter dem Baum, die Weihnachtskugeln, die Adventskerzen, die Beleuchtung – ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit ein paar Chipstüten vor dem Fernseher Weihnachten feiert!“
Sie lachte. „Natürlich nicht! Unser Tisch im Wohnzimmer ist wundervoll dekoriert und natürlich gibt es auch leckeres Essen.“ Sie packt ihr Handy aus der Tasche und zeigt mir ein Bild von ihrem Wohnzimmer. Tatsächlich ist die vorweihnachtliche Stimmung gegeben: Auf dem Tisch brennen Kerzen in einem großen Adventskranz.
„Weihnachten ohne Geschenke  – wie kommt man auf so eine Idee?“
Sie lächelt mich vielsagend an, womöglich hat sie auf diese Frage gewartet.
„Ich habe damit angefangen. Ich habe meiner Familie gesagt: Ich habe nicht so viel Geld, um euch Geschenke zu kaufen. Du musst wissen, meine Familie gibt sich nicht mit Kleinigkeiten zufrieden, es müssen schon hochwertige Geschenke sein. Und dafür fehlt mir momentan einfach die nötige Kohle.“
„Ach so, ja, das ist verständlich. Aber warum kann deine Familie dir keine Geschenke kaufen?“
„Ich habe hinzugefügt: Ich erwarte auch keine Geschenke von euch. Also, große Sachen sowieso nicht. Wenn überhaupt, dann kleine Sachen. Aber nicht einmal das wünsche ich mir!“
„Warum denn nicht?“
„Na, schau dich mal um!“, fordert sie mich auf, mit dem Zeigefinger auf die Geschäfte um uns herum gerichtet. „Ich finde es schrecklich, dass das Fest so materialistisch behandelt wird. Ich finde diese ganze Konsum-Geschichte eh scheiße. Und Weihnachten sollte ein Familienfest sein und nicht eine Zusammenkunft, um gierig auf Geschenke zu warten.“

Geschenkideen, die keiner braucht, und Verschwendung, die allen schadet

Während ich über ihre Worte nachdenke, schlendern wir in ein Dekorationsgeschäft und lassen uns von den Erfindungen des Jahres amüsieren. Unglaublich, dass mittlerweile so viel unnötiges Zeug produziert wird. Wenn man nur bedenkt, wie viele Menschen dafür arbeiten, wofür eigentlich? Für nichts. Weil diese Gegenstände auf der Welt nicht gebraucht werden. Eine Investition, die sich eben nur lohnt, wenn die Gesellschaft so konumorientiert ist, dass sie diese Sachen auch kauft. Der Geschenkzwang, denke ich, der ist schuld daran, dass das Weihnachtsgeschäft so gut funktioniert und dass alle noch so unbrauchbaren Waren verkauft werden. Das sogenannte „Familienfest“ kommt daher eigentlich nur den ganzen Unternehmen und der Wirtschaft zugute.

„Bist du eigentlich nicht auch ein ganz kleines bisschen enttäuscht, wenn du an Heiligabend gar nichts bekommst?“, frage ich sie aus Neugier. Die Theorie der geschenklosen Weihnacht ist meiner Vorstellungskraft noch nicht ganz vertraut.
„Na ja, enttäuscht bin ich nicht. Schließlich weiß ich ja im Voraus, dass ich keine Geschenke bekommen werde. Und deshalb erwarte ich auch keine. Du stellst dir das alles so schlimm vor, aber eigentlich tun wir ja was Gutes.“
„Inwiefern?“
„Der Geschenkzwang! Es ist so rücksichtslos und bedeutungslos, seinen Angehörigen zu Weihnachten etwas zu schenken, finde ich. Genauso wie zum Geburtstag! Ich stelle mir das immer so vor; da sitzt jemand im Hörsaal an der Uni und denkt sich:

Ahh, nächste Woche ist Weihnachten, die Gesellschaft sieht vor, dass ich Geschenke kaufe; also MUSS ich etwas kaufen! Und eigentlich sollte es heißen: Ich mag die Personen in meinem Umfeld und ich finde, sie haben ein Geschenk verdient! Ich denke an sie und deshalb habe ich von innen heraus das Bedürfnis, ihnen etwas zu schenken.

Und weil es von Innen kommt, brauche ich auch keinen Anlass dafür, einen Anlass, an dem ich daran erinnert werden muss, dass ich sie beschenken sollte.“
„Ich verstehe. Der Gedanke ist absolut nachvollziehbar. Aber man freut sich doch trotzdem über die erzwungenen Geschenke, oder?“ Selbst ich muss bei diesem Satz laut lachen.
„Meine Meinung: Wenn es nicht freiwillig und vom Herzen kommt, dann hat es keine Bedeutung. Dann kann man es auch ganz sein lassen.“

Wir entdecken nach einigen Schritten eine Parfümerie, die einen kostenlosen Verpackungsservice anbietet. Eine tolle Sache, wenn man bedenkt, wie viel Aufwand man sich erspart, wenn man sein Geschenk hier kauft und hier verpacken lässt. Obendrein ist das Verpackungspapier auch sehr hochwertig und sieht einfach bezaubernd aus mit den Schleifchen und Stickern.
Andererseits, wenn ich so bedenke, wie viele Geschenke an diesem Tisch schon verpackt wurden und wie viele noch verpackt werden, so wird mir klar, was für eine Verschwendung das Ganze eigentlich ist. Wozu sind Verpackungen da?
Dazu, dass man sie aufreißt und wegschmeißt. Es gibt Sensibelchen, die die Verpackungen natürlich sorgfältig aufmachen und sie dann auch behalten. Aber die Mehrheit der Menschen schenken den Vepackungen doch nur eine Sekunde Beachtung, schießen vielleicht ein paar Fotos – und dann landet das tolle Papier mitsamt Schleife und Aufkleber im Müll. Und wofür?

Ich war noch nie ein Anhänger der Grünen, aber in diesem Moment leuchtet auch mir ein: Wie viele Bäume mussten eigentlich für Weihnachten gefällt werden? Ich rede nicht von den Tannenbäumen. Ich rede von den Bäumen, aus denen Verpackungspapiere hergestellt wurden. Für einen Moment schließe ich die Augen und versuche mir vorzustellen, wie viel Papier in dieser Parfümerie so über Weihnachten verwendet werden könnte. Dann versuche ich mir vorzustellen, wie viele Parfümerien es wohl in Köln gibt, die so arbeiten. Dann zwinge ich mich innerlich zu sehen, wie viele Geschäfte sonst noch einen Verpackungsservice anbieten. Und dann führe ich mir vor Augen, wie viele Geschäfte das wohl in ganz Deutschland sein müssten, die jedes Jahr um diese Zeit Geschenke verpacken. Und dann kommt der Zeitpunkt, an dem ich mich nicht mehr traue zu kalkulieren, wie es wohl weltweit aussehen würde.

Der schreckliche Gedanke in meinem Kopf, der sich breit macht und nicht wieder aus meinem Gedächtnis verschwinden will, alarmiert mich zutiefst. Wenn das Weihnachtsgeschäft weiterhin so gut laufen soll, dann muss es jedes Jahr mehr Verpackungsservices geben. Und je mehr es davon gibt, desto mehr Verpackungspapiere werden hergestellt. Und je mehr Papiere hergestellt werden, desto weniger Bäume haben wir. Und was Bäume für unsere Existenz bedeuten, muss ich wohl nicht mehr erläutern.

Wer jetzt genervt mit den Augen rollt und mich als Naturliebhaber abstempelt, liegt völlig falsch. Ich liebe Abgase, Asphalt und Wolkenkratzer. Die Natur macht mir Angst.
ABER – und das sollten vielleicht alle Menschen mal erkennen – die Natur sorgt für unser Überleben. Das heißt, wenn ihr leben wollt, und wenn ihr wollt, dass eure Nachkommen auch noch leben, dann habt ihr darauf zu achten, dass ihr dies durch euer Konsum ermöglicht. Und langfristig gedacht, geht die Weihnachtsgeschäft-Theorie einfach nicht auf: Eine Zeit, in der wir mehr konsumieren als sonst, ist gleichzeitig eine Zeit, in der wir mehr zerstören als sonst.

Geschenke, die vom Herzen kommen

Die moralische Seite davon, nun, da ist meine Freundin wohl die Expertin:

„Ich liebe kleine Geschenke ohne Anlass. Nehmen wir an, du kaufst mir ein Nagellack für 3 €. Ich würde an die Decke springen! Warum? Du hast mir zugehört, etwa welche Nagellackfarbe mir gefällt, und du hast an mir gedacht – aus dem Nichts heraus! Du hast einen Gedanken an mich verschwendet und mich im Sinn gehabt, als du die Farbe aussuchtest und an der Kasse standest. So funktioniert liebevolles Schenken: Man denkt wirklich über eine Person und ihre Vorlieben nach. Man hat einfach grundlos das Gefühl, etwas schenken zu wollen. Solch ein Geschenk ist unbezahlbar und mehr wert als eine Playstation zu Weihnachten.“

Was kann ich dem hinzufügen?

Ich denke, wir sollten uns während dieser Tage die Frage stellen, was uns Weihnachten eigentlich bedeutet. Vielleicht hilft da der Denkanstoß, sich vorzustellen, wie Weihnachten ohne Geschenke wäre. Würden wir uns dann immer noch so lieb haben und beisammen sein, wie wir es bisher getan haben?


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